Jeden Tag, wenn Victor Ciobotaru in sein Büro im Osten Bukarests geht, schlägt ihm Hass entgegen. Das Regenbogen-Graffiti, das bis vor Kurzem die Hauswand zierte, ist nur noch zu erahnen, Unbekannte haben mit grüner und schwarzer Farbe queerfeindliche Beleidigungen darüber geschmiert. Ciobotaru wirkt nicht wütend, nicht einmal traurig. Zu normal ist das für ihn bereits geworden. Er ist Vorsitzender der LGBTIQ-Organisation Accept. Sie setzt sich für die Rechte der queeren Community in Rumänien ein. Es ist ein Kampf, der schon einmal leichter war. „Wir sind wieder zu einem Ziel geworden“, sagt Ciobotaru.
Nirgendwo in der Europäischen Union steht es um die LGBTIQ-Rechte so schlecht wie in Rumänien. Das ist das Ergebnis der ILGA-Regenbogen-Karte 2025. Die NGO ILGA dokumentiert damit jedes Jahr die rechtliche Stellung von queeren Menschen in Europa. Die Karte ist seit Jahren ähnlich: grüne Bereiche im Westen Europas, rote Zonen im Osten.
Queerfeindliches Osteuropa? Früher nicht.
Osteuropa als LGBTIQ-Sorgenkind – das war nicht immer so. In Polen wurde Homosexualität bereits 1932 entkriminalisiert, deutlich früher als in Deutschland. In Slowenien fand 1984 das erste queere Filmfestival Europas statt. Budapest galt in den 2000ern als einer der queeren Hotspots in Europa. Dass es heute anders aussieht, hat viele Gründe. Zwar ist Osteuropa nicht gleich Osteuropa. Die Länder haben eine unterschiedliche Geschichte, jede Nation eine eigene Sozialisation. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten.
Da ist die kommunistische Vergangenheit, in der die sexuelle Selbstbestimmung unterdrückt wurde. So etwas wie die 68er-Bewegung, die sich im Westen bereits früh für eine freiere Sexualmoral einsetzte, gab es im Osten Europas nicht. Diese Vergangenheit ist auch mitverantwortlich dafür, dass die Gesellschaften heute konservativer sind. Während früher ideologische Werte im Mittelpunkt standen, kam es nach dem Fall des Kommunismus zu einer Rückbesinnung auf traditione…
Furchtlos trotz Anfeindungen: 30.000 Menschen gingen 2025 bei der Pride in Bukarest auf die Straße