Klimatagebuch

Raus aus der Opferrolle

Die 26-jährige Maria del Carmen Pacheco hat in Honduras ein Umweltbildungsprojekt in einer benachteiligten  Nachbarschaft hochgezogen. Gerade fehlt zwar Geld für die weitere Finanzierung, aber die Arbeit wirkt in den Quartieren nach: Die Menschen haben erkannt, dass sie etwas verändern können.

„Die Klima- und Umweltprobleme in Honduras sind riesig. Deswegen habe ich vor einigen Jahren mit ein paar Freund:innen das Projekt Green Footprints gestartet. Wir haben in einer benachteiligten Gegend in der Hauptstadt Tegucigalpa angesetzt: Hier leben viele in schwierigen Umständen, haben andere Sorgen als die Klimakrise. Viele  Menschen wissen einfach wenig darüber, wie viele ihrer Probleme mit dieser Krise zusammenhängen. Wir wollen ihnen klarmachen, dass sie nicht nur Opfer dieser Krise sind, sondern etwas verändern können. Selbstwirksamkeit verändert nicht nur unseren Geist, sie kann eine ganze Gemeinschaft verändern. Wenn Menschen realisieren, dass sie selbst etwas verändern können, kann sie das für immer prägen. 

Wir können etwas verändern

Ich bin der Meinung, dass es Bildung braucht, damit ein Bewusstsein entsteht. Wir Menschen können etwas verändern und verbessern. Auch kleine Schritte sind wichtig. Mit Green Footprints haben wir  Workshops durchgeführt, um Schüler:innen, Lehrer:innen und andere aus der Gemeinde zu Change Makern auszubilden. Wir haben Klimathemen aufgegriffen, die für das Viertel relevant sind – wie etwa Müllprobleme oder Abholzung. Zusätzlich dazu gab es Aktionen zum Mitmachen wie Müllsammeln oder Bäume pflanzen. Insgesamt haben etwa 2.500 Menschen bei uns mitgemacht und dann das Gelernte  an Familie, Nachbar:innen und Freund:innen weitergegeben. Heute profitierten etwa 10.000 Menschen von dem Projekt – dieser Verbreitungseffekt hat uns selbst total überrascht und gefreut. So wirkt das Projekt weiter, auch wenn uns für die künftige Finanzierung von Green Footprints aktuell Mittel fehlen. 

Große Teile von Honduras leiden unter Wasserknappheit. Nur 45 Prozent der Honduraner:innen haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ich frage mich, ob ich in zehn Jahren vielleicht auch kein Wasser habe. Ein Riesenproblem ist die Abholzung, die sehr eng mit der Korruption in Honduras zusammenhängt: Wir haben unter anderem dadurch in den vergangenen 20 Jahren fast 40 Prozent unserer Waldbestände verloren. Große Firmen sind mit Regierungsmitgliedern verbandelt und bekommen so immer wieder Lizenzen, um noch mehr Häuser zu bauen. Dafür werden immer mehr natürliche Flächen gerodet. Das weiß ich nicht nur aus den Medien, sondern weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. In meinem Viertel hatten wir viele Bäume, direkt hinter den Häusern war ein bewaldeter Hügel. Dieser Wald ist einfach verschwunden, quasi über Nacht. Jetzt stehen auf dem Hügel viele neue Häuser. 

Mit besserer Bildung gegen politischen Stillstand

Außerdem werden durch die Klimakrise die Wirbelstürme hier stärker. 2020 hatten wir zwei starke Hurrikans, Eta und Iota. Ganze Gemeinden wurden dem Erdboden gleichgemacht, knapp vier Millionen Menschen waren davon betroffen. Mehr als 400 000 Menschen wurden obdachlos, manche sind es bis heute. Sie mussten wegen der Stürme ihr Zuhause verlassen, das ist für mich Klimamigration.  

Trotz all dieser Themen verändert sich politisch nichts. Unsere Regierung kümmert sich nicht um klima- und umweltfreundliche Politik und Bildung. Es fehlt der Wille, glaube ich. Zusätzlich ist Honduras eines der gefährlichsten Länder für Klima- und Umweltaktivist:innen. Das macht Angst. Diejenigen, die sich zu Umweltthemen äußern oder in der Szene aktiv sind, sind ständig in Gefahr. Staatliche Repressionen, Schlägertrupps von Unternehmen. Aktivist:innen werden sogar zu Unrecht inhaftiert, das hat auch Amnesty International dokumentiert. Ich bin mir dessen bewusst und versuche deshalb, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem auf Dialog und Lösungsfindung gesetzt wird, wo Prävention und Transformation im Fokus stehen. All das braucht es: Sowohl Lösungen für kurzfristige Klimaschutzmaßnahmen als auch für langfristige Anpassungsstrategien. Das kann nur durch bessere Bildung funktionieren. Deswegen finde ich: Die Klimakrise muss in die Klassenzimmer.“ 

Foto: privat

Maria del Carmen Pacheco, 26, Honduras

Leonie Fößel

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