Schwerpunkt: Demokratie feiern

So geht Aktivismus im Alltag

Das Wichtigste an der Demokratie sind? Na klar, die Demokrat:innen. Menschen, die konstruktiven Streit wagen, auf die Straße gehen, Online-Foren nutzen. Vier Wege, wie du was bewirken kannst.

1) Hashtags nutzen

Text von Rahel Lang

Digitaler Aktivismus wie das Verbreiten von Online-Petitionen wird oft als Faulpelzaktivismus verspottet. Denn was verändern Klicks im Internet schon in der realen Welt? Die Kommunikationspsychologin Hedy Greijdanus von der Universität Groningen und ihre Co-Autor:innen zeigen in einer Arbeit zur Psychologie des Internet-Aktivismus: „Vieles spricht für positive Beziehungen zwischen Online- und Offline-Aktivismus.“

Was Online-Aktivismus auslösen kann, zeigt etwa die „Black Lives Matter“-Bewegung. Sie startete zunächst mit einem Hashtag im Internet. Als im Sommer 2020 ein Video viral ging, das die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt zeigt, kam es zu großen Straßenprotesten in vielen US-Bundesstaaten und zahlreichen anderen Ländern. Das Teilen des Videos in den sozialen Medien hatte Menschen auf die antirassistische Bewegung aufmerksam gemacht und für Demonstrationen mobilisiert. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg: das Internet als dezentralen Ort zu nutzen, um Interessen zu bündeln und in die Welt hinauszutragen.

Ein Hashtag ist schnell gesetzt, Foto: Unsplash / Priscilla du Preez

Digitaler Aktivismus ist dabei mehr als die Verbreitung von politischen Inhalten und das Unterzeichnen von Online-Petitionen. Es geht auch darum, Informationen bereitzustellen – als Grundlage für politische Forderungen. Diese Arbeit ist Teil der Open-Data- und Open-Government-Bewegung. Die Plattform FragDenStaat beispielsweise erleichtert es, Auskünfte von staatlichen Behörden zu bekommen. Einfach die Anfrage auf die Website der Plattform stellen; FragDenStaat leitet sie weiter und veröffentlicht anschließend die Antwort. Wenn du also einen Blick auf interne Protokolle, Briefwechsel zwischen Politiker:innen oder Baupläne eurer Stadt werfen willst, frag doch einfach mal nach.

Das Crowdsourcing-Projekt #everynamecounts, „Jeder Name zählt“, arbeitet derzeit am weltweit größten Online-Archiv über die Opfer und Überlebenden des Nationalsozialismus. Das Projekt ist eine Initiative der Arolsen Archives, eines internationalen Zentrums für NS-Verfolgung. Bis 2025 sollen die Namen der Opfer in eine digitale Datenbank aufgenommen werden, ein virtuelles Denkmal. Dafür werden auf der Website eingescannte historische Karteikarten angezeigt, die Freiwillige abtippen und digitalisieren. Jede:r kann mitmachen. Online-Aktivismus ist also vieles – aber sicher nichts für Faulpelze.

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2) Paroli bieten

Text von Miriam Petzold

Stell dir vor, du bist im Supermarkt. Du schiebst deinen Wagen zur Kasse, reihst dich in die Schlange ein. Vor dir hörst du jemanden sagen: „Beim Einkaufen sieht man nur noch Ausländer.“ (Wie) würdest du darauf reagieren?

So beginnen die sechsstündigen Stammtischkämpfer:innen-Seminare gegen rechte Parolen vom Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“. Sie sind solidarisch finanziert und werden etwa von Gewerkschaften, Parteien, religiösen Verbänden oder Stadtverwaltungen angefragt. Die Teilnahme ist kostenlos. „Unser Ziel ist es, dass keine diskriminierende Aussage, die Menschen im Alltag mitbekommen, unwidersprochen bleibt“, sagt Christian Schneider, der die Workshops koordiniert. Die Teilnehmer:innen lernen, die „Schrecksekunde“ zu überwinden – dieses Ziehen in der Magengrube, der Knoten im Hals, Wut und Angst, wenn in der Nähe ein menschenverachtender Spruch fällt.

Hemmnisse, zu reagieren, gibt es viele. Sie reichen von der netten, vertrauten Stimmung beim Familiendinner bis zum Zeitmangel in der U-Bahn und zu Hierarchien bei der Arbeit. Hemmen kann auch das Gefühl, zu wenig Fakten parat zu haben oder in der Unterzahl zu sein. Wer solche Barrieren erkennt, kann sie durchbrechen. „Wenn ich Angst davor habe, eine Beziehung zu gefährden, muss ich davon ausgehen, dass das Bedürfnis auf der anderen Seite auch besteht. Und ich kann mich darauf beziehen.“ Wenn Sätze fallen, in denen Ängste stecken („Ich hätte schon ein Problem damit, wenn nebenan Geflüchtete unterkommen“), ist erst mal Empathie gefragt. Schneider: „Auch wenn der Grund für die Angst nicht real ist, die Angst selbst ist es trotzdem.“ Also: Emotionen ernst nehmen („Was macht dir denn Angst?“), weg von „du musst“, hin zu „Lass uns doch gemeinsam mal so eine Unterkunft besuchen“. In manchen Momenten kann sogar Zustimmung helfen. Wer Dinge sagt wie: „Bettelnde Obdachlose sollten aus der Fußgängerzone entfernt werden“, lässt sich überrumpeln mit: „Ja, ich finde auch, so sollte niemand leben müssen. Die sollen alle eine Wohnung bekommen.“

Am Ende des Seminars ist den Teilnehmenden klar: Es gibt keine Patentlösung, jede Situation ist anders. Manchmal ist es ratsam, sich zu positionieren – ohne zu diskutieren –, etwa in der Schlange zur Supermarktkasse („Solche Sprüche will ich mir nicht anhören, beim nächsten Mal gehe ich in eine andere Filiale“). Manchmal macht es Sinn, Verbündete zu suchen oder den Raum zu verlassen. „Selbst bei Nazi-Rhetorik kommen die wenigsten auf die Idee, zu gehen. Dabei wäre das eine angemessene Reaktion“, so Schneider.

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3) Das Megafon schnappen

Text von Charlotte Köhler

Du reißt einen alten Pappkarton auseinander, nimmst dir die größte Fläche, greifst zum Edding und setzt ein Statement. Dann gehst du raus auf die Straße; ihr seid Hunderte, Tausende. Eure Parolen sind einstudiert, die Straßen gesperrt, gemeinsam seid ihr laut – aber seid ihr gemeinsam stark?

Diese Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, sagt die Politikwissenschaftlerin Nina-Kathrin Wienkoop vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin. Denn so unterschiedlich Themen und Kontext der Demonstrationen, so unterschiedlich ihre Wirkung. Wienkoop: „Mobilisierung und Teilnehmer:innenzahl sind ein Erfolgsfaktor – aber nicht immer.“ Soll etwa in einem 1.000-Einwohner:innen-Dorf der Tante-Emma-Laden geschlossen werden, kann schon ein Protest weniger Menschen wirken und die Schließung durch den direkten Kontakt zur Ortsbürgermeisterin verhindert werden. Anders bei übergreifenden Themen wie Klimaschutz. „Natürlich geht es auch hier darum, politisches Handeln anzustoßen. Doch es ist schon ein Erfolg, wenn ein Thema durch Straßenproteste Gegenstand des öffentlichen Diskurses wird.“

Meist braucht es einen Mix verschiedener Protestformen, um etwas zu erreichen. Doch Straßenprotest bleibt etwas Besonderes. „Eine Demo kann über die lebenslange politische Partizipation eines Menschen entscheiden“, erklärt Wienkoop, „wenn ich mich bei einem Straßenprotest gesehen fühle und vielleicht zwei Freund:innen mobilisiere, prägt das meine politische Biografie.“ Straßendemos motivieren als Augenblicke des Empowerments zum Engagement für die Demokratie.

Wie genau demonstriert wird, ergibt sich aus der Protestkultur eines Landes. „In Frankreich etwa ist der Generalstreik eine viel genutzte Form, auch Riots, also wilde Proteste, finden regelmäßig statt“, sagt Wienkoop. „Würde dagegen in Deutschland die Post über Wochen streiken, hätte das kaum Erfolg – die Menschen würden diese Protestform nicht akzeptieren.“ Auch wenn sie weniger wild ist, hat sich hierzulande eine erfolgreiche Protestkultur etabliert: „Die jährlichen Ostermärsche für den Frieden, der Tag der Frauenbewegung am 8. März, der Klimaprotest im September oder die vielen gewerkschaftlichen Demonstrationen belegen das.“

Zwei Demo-Teilnehmende am 8. März, feministischer Kampftag, Foto: IMAGO / IPON

Auch viele junge Menschen sind nach Einschätzung von Wienkoop Fans der Straßendemos, genaue Zahlen gibt es nicht. Was man aber weiß: Nur neun Prozent der politisch aktiven Jugendlichen engagieren sich ausschließlich online. Das zeigen repräsentative Umfragen, die Wienkoop seit 2019 mit Kolleg:innen durchgeführt hat. Und gerade das Zusammenspiel aus beiden Welten ist besonders wirksam. Etwa wenn auf einer Demonstration QR-Codes aushängen, die zu einer Online-Petition führen. „Nur wer hoffungslos ist, dass sich Verhältnisse ändern können, hört auf, sich zu beteiligen.“ Dein Stück Pappe bleibt also – selbst wenn du es mit Worten der Wut oder Enttäuschung beschrieben hast – ein Zeichen der Hoffnung.

4) Über Ängste sprechen

Text von Rahel Lang

In Zeiten multipler Krisen fühlen sich viele Menschen überwältigt und hilflos. Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Mit anderen zu sprechen, kann ein erster Schritt sein. Die Gruppe Psychologists/Psychotherapists for Future (Psy4F) schafft mit ihren Klima-Cafés Räume, in denen sich Menschen über Ängste und Gefühle zur Klimakrise austauschen können und dabei psychologisch unterstützt werden. „Es sollte das neue Normal werden, über belastende Ereignisse und Sorgen zu reden“, sagt Psychologin Lena Müller von Psy4F. „Wir brauchen mehr solcher Gesprächsangebote auch außer- halb des Milieus von Klimaaktivist:innen.“

Sich mitzuteilen, schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Müller: „Diese Verbundenheit wirkt sich positiv auf die eigene Resilienz aus.“ Resilient sein bedeutet, sich von Krisen erholen zu können und sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Gerade für Aktivist:innen ist das hilfreich. Sie brauchen oft einen langen Atem, müssen lernen, mit Rückschlägen umzugehen und Frustration auszuhalten. Auch emotionaler Stress und Burnouts sind im Aktivismus keine Seltenheit.

Entscheidend sei daher zu erkennen, dass auch weniger als hundert Prozent Engagement akzeptabel seien, meint der Sozialaktivist Raúl Aguayo-Krauthausen. Er setzt auf konstruktiven Aktivismus: Statt nur Probleme zu benennen, gehören dabei auch die Suche und Diskussion von Lösungen zur Strategie. Konstruktiver Aktivismus kämpft radikal für eine konkrete Veränderung. Ist das der Weg zu gesundem Aktivismus? „Konstruktiver Aktivismus kann sichtbare Ergebnisse und positive Erfahrungen der Selbstwirksamkeit bringen“, meint Krauthausen. Das wiederum trägt zur Resilienz bei – wer sich selbst als handlungsfähig erlebt, kann besser mit Belastungen umgehen.

Rat bei psychischer Belastung

Telefonseelsorge rund um die Uhr (auch Chat möglich) 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222

Nummer gegen Kummer (auch Chat möglich) 0800 111 0 550 (Elterntelefon, montags bis freitags 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags 17 bis 19 Uhr)

0800 111 0 333 (Kinder- und Jugendtelefon, montags bis samstags 14 bis 20 Uhr

Foto: Unsplash / Maayan Nemanov

Eine Form des Protests: Politische Slogans lautstark auf die Straße bringen.

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