Schwerpunkt: Seegras

Die Königin des Meeres

Im Küstenwasser der Balearen blüht die prachtvolle Posidonia, sie gehört zu den ältesten Pflanzen der Erde.  Die Menschen auf den Inseln haben diesen Schatz neu entdeckt. Und sind heute im Seegrasschutz so erfolgreich wie wenige sonst. Wie machen sie das?

Das kleine Motorschlauchboot fliegt durch die Bucht von Palma de Mallorca, als wolle es abheben. Über den Bug spritzt die Gischt, Marcial Bardolet Richter steht locker im Wind, eine Hand an der Kapitänskabine, und schaut auf die weißen Tupfen entlang der Küstenlinie, die immer größer werden: Segelschiffe, Katamarane, Yachten. Am Himmel kreischen Kormorane, dumpfe Beats wummern von einem Daycruiser herüber, Passagiere springen für ein Morgenbad ins Wasser. Bardolet Richter kneift die Augen zusammen und zeigt auf einen bulligen Katamaran ein paar hundert Meter voraus, neben ihm ist das Meer fast schwarz. „Da hinten, den schauen wir uns mal an, vielleicht ankert er in den Seegraswiesen.“ Juan García Dorronzoro, der Kapitän, nimmt Kurs. Die Kaimauern verschwinden aus dem Blick, das Rumpeln der Hafenarbeiten wird leiser, in der Ferne döst die Kathedrale von Palma in der Morgensonne. Bardolet Richter öffnet eine Karte auf seinem Handy, pinke Punkte markieren die Boote, die vor der Küste ankern, einige liegen dicht an knalligem Grün – Posidonia, das Seegras im Mittelmeer. Wie der weiße Katamaran?

 

Foto: adi

 

„Hallo, wir sind vom Posidonia Kontrollservice. Ankern in den Seegraswiesen ist auf Mallorca verboten, weil es sie kaputt macht“, ruft Bardolet Richter zum Skipper herüber, der sich lässig über die Reling lehnt. „Nach unserer Karte liegt ihr gerade an der Grenze, ich prüfe es fix, okay?“ Der Skipper nickt, die Passagiere in ihren Sonnenliegen richten sich auf, nippen an den Drinks und schauen. Bardolet Richter stemmt eine orange Unterwasserlupe über die Kante des Schlauchboots, drückt das Glasauge ins Wasser. Kristallklar ist der Blick auf den Meeresboden, sanft wiegt sich das Gras in der Strömung. Anker und Kette liegen knapp daneben. „Alles gut“, ruft er. „Aber wenn der Wind dreht müsst ihr ein wenig mehr Abstand nehmen“. „Alles klar“, sagt der Skipper. „Und ladet euch mal unsere Karten-App Donia runter, sie zeigt wo Schiffe ankern dürfen.“ Weiter fliegt das Boot über das Meer.

„Hallo, wir sind vom Posidonia Kontrollservice. Ankern in den Seegraswiesen ist auf Mallorca verboten, weil es sie kaputt macht“
Marcial Bardolet Richter, Mallorca Patrouille

Posidonia oceanica ist Mallorcas größter Schatz. Das Seegras mit den meterlangen Blättern, das die Küsten der Inseln säumt, ist Quelle von Artenreichtum und Fischvielfalt auf den Balearen, versorgt das Meer mit Sauerstoff, verhindert mit seinem Wurzelwerk die Erosion der Küsten und bindet einer aktuellen Studie zufolge eine Million Tonnen CO2 im Boden. Das ist mehr als jedes andere Ökosystem in Spanien, auch Feuchtgebiete oder Moore. Ohne die Wiesen hätten die Inseln weder das klare Wasser noch den feinen weißen Sand, der sie so beliebt macht. Sie filtern das Wasser und sind Lebensraum für Millionen Lebewesen, die den Stein an der Küste zersetzen. Die Unterwasserwiesen der Balearen gehören zu den ältesten auf dem Planeten, vermutlich sind sie bis zu 100.000 Jahre alt. Zwischen Formentera und Ibiza wächst die zweitgrößte Pflanze der Welt, etwa 15 Kilometer lang. 1999 wurde die Wiese UNESCO-Kulturerbe.

Unterwasserwiesen mit dem Namen eines Gottes

Früher waren sich die Menschen dieses Schatzes bewusst. Mit dem Laub der Wiesen, das die See im Herbst an die Strände spült, schützten sie ihre Felder vor dem Austrocknen, deckten Dächer und flochten Körbe, polsterten Verpackungen für wertvolle Gläser, bedeckten sonnenverbrannte Haut, um sie mit ihren antibakteriellen Wirkstoffen zu beruhigen. Posidonia nannten sie die Gräser im Meer, nach Poseidon, dem Gott des Meeres in der griechischen Myothologie (Anm d. Red.: Auf Deutsch werden sie nach dem römischen Meeresgott Neptungräser genannt). Die Wiesen mit den breiten, glatten Halmen waren ihr Stolz, es gibt sie nur im Mittelmeerraum.

Doch in der Industrialisierung ging das Wissen verloren. Hotelburgen säumten die Küsten, die Fischerei zog schwere Reusen durch die artenreichen Wiesen, Hafenbecken wurden tiefer ausgebaggert, für immer mehr, immer größere Schiffe. Massentourismus und Wassersport boomten, und bis heute gelangen viele Abwässer ungefiltert ins Meer. „Algae“, nannten die Menschen Posidonia nun abfällig, wie den schleimigen Tang im Wasser. Heute sind etwa 50 Prozent der Posidonia-Wiesen im Mittelmeerraum zerstört.

 

 

Die wildesten Tage des Jahres

Zehn Uhr, ein Donnerstag Ende Mai im Restaurant Nautic Club, Portixol, einem kleinen Hafen bei Palma. Am Kai bessert ein Segler seinen Schiffsrumpf aus, Fischer hieven Netze von Deck, Tourist:innen schlendern vorbei. Marcial Bardolet Richter, Segeltuchschuhe, khakifarbenes Shirt, jungenhaftes Lachen, federt heran und lässt sich auf einen der Terrassenstühle sinken. „Puh, gerade sind die wildesten Tage des Jahres.“ Die Wassersportsaison beginnt, der Sommer-Tourismus überspült die Balearen. Für Bardolet Richter heißt das: viel Verwaltungarbeit, Abstimmung mit Reedereien, Bootsclubs, Umweltagenturen. Vielleicht hundert Boote liegen heute vor der Küste, manche bieten gerade Platz für vier, andere sind groß wie ein Apartmenthaus. Im Juli und August sind es mehr als 30.000 Dauerlieger und Tausende, die auf den Balearen Stopp machen auf einem Törn durchs Mittelmeer. „Dann werden Ankerplätze außerhalb der Wiesen knapp“, sagt Bardolet Richter und nimmt einen schnellen Schluck Espresso. „Die meisten wollen küstennah ankern, das offene Meer macht gerade Freizeitbootsfahrer:innen Angst.“

Wer ankert im Seegras? Sieben Tage die Woche sind Marcial Bardolet Richter und sein Team mit Seegras-App und Unterwasserlupe auf Patrouille an der Küste Mallorcas

Fotos: adi

 

Ein Rebell der Verwaltung

Bardolet Richter setzt sich in der Verwaltung an die Spitze der Bewegung. Entwickelt mithilfe von Sonar- und Satellitendaten eine Kartografie der Wiesen rund um die Inseln. Treibt das Kontrollsystem für ihren Schutz voran, das heute als das beste im Mittelmeerraum gilt. „Ich bin der Rebell der Verwaltung“, sagt er und grinst ein wenig. Einer, der lieber auf Lösungen schaut als auf Regeln. 2018 verbietet Mallorca als erste Insel im Mittelmeer das Ankern im Seegras.

Von Mai bis Oktober sind Bardolet Richter und seine Mitstreiter:innen heute im Einsatz. In der Hauptsaison fahren 18 Boote Patrouille, sieben Tage die Woche. Dann schlüpft der 51-Jährige in das grüne Polo-Shirt mit der Aufschrift Regierung der Balearischen Inseln – „das verschafft mir Autorität“ – , steuert durch den Wald der Yachten, stemmt bis zu 200-mal am Tag seine Unterwasserlupe ins Blau und klärt Bootsfahrer:innen auf: Dass ein Anker dreißig, vierzig Büschel Seegras ausreißen kann und die gewaltigen Anker-Ketten tiefe Furchen ins Grün am Boden graben. Dass Posidonia im Schnitt nur zwei bis vier Zentimeter pro Jahr wächst und eine Wiese oft 100 Jahre braucht, um sich zu erholen.

Foto: TUI Care Foundation

„Es fehlt vielen an Posidonia-Literacy“, sagt Bardolet Richter. Manchmal treibt er mit seinem Schlauchboot 120-Meter-Schiffe aus dem Seegrasgebiet. „Doch tatsächlich sind die großen Yachten eher unproblematisch, reiche Menschen wollen Ruhe, ihre Teams achten penibel darauf, dass sie keinen Anlass geben, gestört zu werden.“ Problematischer seien Gelegenheits- und Freizeitfahrer:innen auf der Suche nach schnellem Spaß. Manche werden sauer, dann ruft Bardolet Richter die Umweltpolizei. Nur sie kann auch Strafen für das Falschankern in den Wiesen verhängen: Meist sind es zwischen 500 und 5.000 Euro, entstehen gravierende  Schäden, müssen Bootsbesitzer:innen bis zu 600.000 Euro zahlen.

Aber wo sollen all die Schiffe ankern, wenn neben dem Seegras nicht genug Platz ist?

An den Parkuhren im Meer. Ab Anfang Juni werden in besonders gefragten Küstenabschnitten acht Eco-Mooring-Felder eingerichtet, riesige Areale voller Bojen, mit umweltschonenden Verankerungssystemen im Grund angebracht. An ihnen können Boote festmachen, ohne das Gras unter ihnen zu zerstören. Es gibt Tickets für halbe oder ganze Tage und Overnight-Stays, gebucht wird über eine Online-Plattform. Ein Tagespass kostet zwischen 10 und 108 Euro, je nach Größe des Schiffes und der Boje, die es braucht. Vier bis acht Wochen dauert es, bis alle Parkuhren schwimmen. 311 sind es derzeit, 1.000 sollen es bis 2030 werden. Finanziert werden die Bojenfelder aus den Park-Gebühren und einer Umweltsteuer für Tourist:innen. Die Nachfrage ist riesig, bis zu 130 Prozent sind die Felder im Juli und August ausgelastet.

Foto: Mallorca Mooring Platform

 

Drei Sommer der Wut

Bardolet Richter erinnert sich noch an die Wut der ersten Jahre. Ankern verbieten? Wo, wenn nicht auf dem Meer, ist Freiheit so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen? Wo, wenn nicht in Mallorca, sind makellose Strände, frei von Seegrasblättern, ein wesentlicher Magnet für den Tourismus? In den „drei Sommern der Wut“ nach 2017 bekommt er fast täglich Protestmails von Tourismusverbänden, Bootsvereinen und Segler:innen. Es ist nicht so, dass Marcial Bardolet Richter die Wut nicht verstehen könnte.

Er ist in der Bucht von Calle Blava nahe Palma aufgewachsen, mit elf Jahren hat er seine erste kleine Jolle, einen roten Optimisten. Auf dem Meer träumt er sich in die blaue Welt von Jean-Marc Barr, dem Apnoe-Taucher im französischen Kultfilm Im Rausch der Tiefe.  „Seegraswiesen aber waren auch für mich fies und dunkel.“ Erst im Laufe der Jahre ändert sich sein Bild. Wenn er in der Calle Blava schwimmen geht, fragt er sich immer häufiger: Wie sieht es eigentlich aus in den Wiesen unter mir? Eines Tages taucht er hinab. „Und ich sah die wunderschöne Königin unseres Meeres.“

„Seegraswiesen waren auch für mich lange  fies und dunkel. Irgendwann tauchte ich hinab – und sah die wunderschöne Königin unsers Meeres.“
Marcial Bardolet Richter, Mallorca Patrouille

 

Vielleicht ist es gerade das Verständnis für unterschiedliche Perspektiven, mit dem es Bardolet Richter gelingt, immer mehr Menschen auf seine Seite zu holen. Die damals linke Regierung, die Naturschutz vorantreiben wollte. Die Tourismusbranche, die langsam Nachhaltigkeit entdeckt. Zerstörung verhindern, statt Millionen für eine unsichere Wiederansiedlung ausgeben – das hat viele überzeugt. „Inzwischen sind fast alle an Bord“, sagt Bardolet Richter. Die Zahl der Schiffe, die in den Wiesen ankern, ist seit 2017 von 20 auf 5 Prozent gesunken.

Heute gelten die Balearen als Leuchtturm im mediterranen Seegraswiesenschutz. 40 Prozent der Gewässer stehen unter Naturschutz, und viele unterschiedliche Player ziehen mit: Start-ups, NGOs, Gemeindeforen, Bürgerinitiativen, ein ganzes Netzwerk ist entstanden, das sich für die Seegraswiesen einsetzt. In Kooperation mit dem Meeresforschungsinstitut Imedea sind Initiativen, Stiftungen, Vereine unterwegs, die Daten für die Wissenschaft sammeln und Wiederanpflanzung erproben: Wie geht es den Wiesen, was beeinflusst ihre Gesundheit, wie können wir sie wieder zum Leben erwecken? Zu den ersten gehörte MedGardens.

 

 

Formentor, hoch oben im Norden von Mallorca. Der feine Sand kitzelt zwischen den Zehen, eine Brise treibt durch die Zweige der Pinien am Ufer. Vom Strand von Pollenca weiter westlich dringt ab und an das Lachen der Badegäste herüber. Laura Royo Marí, Paula Bonet Melià und Lucian Fernández Slade steigen in ihre Neoprenanzüge, schnappen sich Taucherbrillen, Schnorchel, Klemmbretter mit wasserfestem Papier und quadratische Rahmen aus Kunststoff, in denen Gitter aus kleineren Quadraten gespannt sind. „Damit wir alle Daten, die wir die Küste entlang sammeln, genau vergleichen können“, erklärt Royo Marí. Was wächst in einem Quadrat, wie vermehrt sich jede Spezies, wie haben sich die Organismen seit der letzten Datenerhebung entwickelt, welche Tiere leben im Habitat? Taucherbrillen auf, Daumen hoch, los geht’s.

Was ist aus den Anpflanzungen von vor drei Jahren geworden?

Seit sechs Jahren ist die Ozeanografin Laura Royo Marí bei MedGardens, dem wissenschaftlichen Arm der Clean Wave Foundation. Entstanden 2017 als Initiative von Freund:innen, die etwas gegen den Plastikmüll im Meer tun wollten, ist heute eine Stiftung mit zehn Mitarbeiter:innen daraus geworden, die sich für gesunde Meere, mehr Umweltbildung und vor allem die Renaturierung mariner Lebensräume wie Seegraswiesen einsetzt. An drei Standorten auf Mallorca in enger Kooperation mit dem Meeresforschungsinstitut Imeda untersuchen sie: Wo sind Seegraswiesen schon beschädigt, was hat dazu geführt, was können wir dagegen tun und mit welchen Methoden sie möglichst effektiv wieder aufbauen, welche Stellen sind dafür optimal geeignet? Vor allem von Mai bis Juli sind die Teams drei-, viermal die Woche auf Feldforschung vor Ort. „Im Juni, wenn die Wiesen blühen, konzentrieren wir uns auf Posidonia. Heute schauen wir uns die Entwicklung der Alge Cystoseira an, die mit dem Seegras in flachenBuchten zusammenleben“, erläutert Royo Marí. „Wir haben vor drei Jahren einige angepflanzt.“ Was ist aus ihnen geworden?

Mit dem Steingürtel ins Wasser

Jetskis donnern vorbei, Motorboote ziehen vorüber. Royo Marí schwimmt zur kleinen Insel gegenüber des Ufers und schnallt sich einen Steingürtel um. Steingürtel? Sie lacht, klemmt den Unterwassernotizblock unter die Achseln und ruckelt die Taucherbrille über die Neoprenkappe. „Der hält mich beim Fischezählen stabil im flachen Wasser.“ Ruhig taucht sie unter, den Körper langgestreckt, den Kopf voran, und notiert mit schneller Hand, wie viele Fische durch Wiesen und Algen schwimmen. Paula Bonet Melià hat ein Seil am Ufer ausgerollt, alle 20 Zentimeter sind farbige Markierungen, an jeder hält sie ihren Rahmen über den Boden, zählt Quadrat für Quadrat Pflanzen, Lebewesen, Triebe, ruft das Ergebnis zu Fernández Slade, der am Strand sitzt mit einem Klemmbrett voller Tabellen. „Beim Pflanzenzählen braucht Paula beide Hände.“

 

Laura Royo Marí, Paula Bonet Melià, Lucian Fernández Slade beim Forschungstauchen in Formentor

Fotos: adi; MedGardens Silvia Mus

 

Forschen nah am Menschen

Wissenschaft ist Fisselarbeit. Akribisch, repetitiv, langatmig. Und doch ist es genau diese Feldforschung, die alle drei zu MedGardens gelockt hat. Forschen in der realen Welt, nah an den Menschen, mit der Power, wirklich etwas zu ändern, weil sie mit den Daten Lücken der Wissenschaft füllt. Posidonia nur dort anpflanzen, wo sie schon vorher gedieh – die Erhebungen des MedGardens-Teams haben zu dieser Erkenntnis beigetragen. Zur Arbeit gehört auch Aufklärung in Schulen, Royo Marí entwickelt Konzepte für Workshops. Zusammenarbeit mit Gemeinden, die Biologin Paula Bonet Melià vorantreibt. Kooperationen mit Geldgeber:innen und Tourismusbranche, die Wirtschaftswissenschaftler Lucian Fernández Slade ausbaut.

„Komm mit, da hinten sind ganz gesunde Wiesen, man muss sie fühlen, um sie zu verstehen.“ Royo Marí streckt die Hand aus. Das Wasser schlägt über dem Kopf zusammen, der Blick durch die Taucherbrille fällt in eine Welt, die hier nicht dunkel ist, sondern flirrend hell.

 

Das Sonnenlicht bricht sich im Wasser…

Foto: Posidonia Network

 

…wie Kristalle tanzen die Lichtpunkte durchs Grün, ein rostroter Seestern nimmt ein Sonnenbad im Schutz der Wiesen. Gemächlich schaukeln die langen Haare der Posidonia in der Meeresströmung, mal sind sie hellgrün wie Knospen an einem Baum, mal honiggold wie das Haar einer Meerjungfrau, mal gesprenkelt wie eine Zucchini. Fische gleiten durch den Gräserwald, allein oder in Schwärmen; bunt oder transparent wie Quallen. Zwischen den Halmen wachsen weiße, gläserne Fächeralgen, andere sehen aus wie wuschelige Damenfrisuren, drapiert auf einer Modepuppe. Unter den piksigen Rotalgen haben die Forschenden Platten verankert, sie fangen die Sporen auf, über die sich die Algen vermehren, um damit anderswo Algenwäldchen zu säen.

 

„Wer die Wiesen einmal gefühlt hat, vergisst sie nie wieder.“
Laura Royo Marí, Biologin, MedGardens

 

Royo Marí zeigt auf eine hellbeige  Klippe, die gut fünf Meter in die Tiefe reicht. „Pures CO2.“ Über Jahrtausende wachsen Rhizom und Wurzelwerk der Posidonia nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe. In diesen „Seegras-Betten“, die aussehen wie Korallenriffe, speichert sie das Kohlendioxid. Manchmal sind die Blätter der Posidona auf diesen Betten so dick und kräftig, dass man in ihnen kuscheln kann wie auf einer flauschigen Decke, die kitzelt, wenn man sich auf ihr wälzt. „Im Sommer fühlen wir uns wie Friseure, die in langem Fell stöbern.“ Einige Blätter haben einen Flaum auf der Oberfläche, einen Biofilm aus Mikroorganismen und Wirbellosen. Bei gesunden Wiesen ist das Teil des Ökosystems, überziehen dazu Algen die Blätter, weist das auf einen Überschuss an Nährstoffen hin, der das Seegras erstickt. Royo Marí taucht an die Oberfläche, zieht Schnorchel und Taucherbrille vom Kopf und lacht. „Wer all das einmal gesehen hat, vergisst es nie wieder, oder?“

Seegras fühlen – die Erkenntnis, wie wichtig das ist, damit sein Schutz funktioniert, gehört zum Erfolgsmodell  auf den Balearen.

Zum einen in der Bildung.

Schräg gegenüber der Patrouillenboote von Marcial Bardolet Richter liegt das ehemalige Verwaltungsgebäude einer Ölraffinerie. Seit 2024 ist hier ein Umweltbildungszentrum, die Aula de la Mar. Zwölf Kinder stürmen ins Labor.  Zwanzig Mikroskope stehen auf den Tischen, in kleinen Aquarien auf einem Wandregal leben Fische, Krebse zwischen Seegras und Algen. In der Früh waren die Schüler:innen eines Gymnasiums am Strand, Muscheln und Kleintiere suchen, Sandproben nehmen, Algen und Seegras sammeln.

 

Foto: adi

 

Jetzt schauen sie sich die Fundstücke in tausendfacher Vergrößerung an. Señor Carlos, Leiter der Aula de la Mar, erklärt, dass das Wasser braun wäre ohne das Seegras, das es filtert. Im Fühlraum nebenan gibt es die Fauna und Flora der Wiesen zum Anfassen, zum Beispiel die langen, hornartigen Eikapseln des kleingefleckten Katzen-Hais, die sich an die Seegrashalme klammern, bis der Nachwuchs geschlüpft ist. „Es ist so wichtig“, sagt die Biolehrerin der Klasse, „dass die Schüler:innen ein Bewusstsein für die Bedeutung von Seegras und Naturschutz entwickeln.“ Auch sie werden später Verantwortung für sie übernehmen müssen. In den Lehrplänen aber ist das Ökosystem der Posidoniawiesen keine Pflicht. Umso gefragter sind die Workshops in der Aula de la Mar. 140 Klassen kommen pro Jahr, 6.000 Schüler:innen waren seit der Gründung des Umweltbildungszentrums 2024 hier.

Zum anderen durch Kultur.

 

Der Weg zu Joan Costa führt hoch in die Berge über Esplores, einem Städtchen mit engen Gassen, verzierten Fassaden und Platanenalleen, die sich tief über die Straße beugen. Am Ende steiler Serpentinen öffnet sich ein elektrisches Tor. „Buenas tardes“, ruft Costa und bittet in seine Freiluft-Werkstatt unter weißen Sonnensegeln. Auf den Werkbänken liegen Blöcke aus Marmor, Alabaster, Kalkstein. Der Blick reicht weit über Olivenbäume, Dächer, Felder bis zu den Pinienwäldern am Horizont. Costa, Leinenhemd, graue Kurzhaarfrisur, Dreitagebart, zieht eine der Brillen auf die Nase, die um seinen Hals baumeln, und streicht einen langen Marmorquader entlang. „Dies hier wird ein Blatt im Wellengang. Ich liebe es, mit den Blättern der Posidonia zu spielen.“ Mal erscheinen sie kurvig und glatt wie die seidig schimmernden Arbeiten aus Stein, mal stark und stolz wie die Kupferskulpturen oben am Hang.

Gräser aus Stein, Stahl und Papier

 Seit den frühen 00er-Jahren lässt Costa, wie er sagt, „Posidonia sprechen, damit die Menschen sie sehen und verstehen und schützen“. Die Natur, die Elemente, das Meer – das berührt ihn seit seiner Kindheit. Oft streifte er durch die Wälder der Berge, dann entdeckte er die Wiesen des Meeres. Ihre Bewegungen im Wasser, elegant und kraftvoll zugleich, haben ihn nicht mehr losgelassen. Costa formt sie in Stein und Stahl, aus Papier, Kunststoff und Beton, auf Leinwand und mit Grafit, als Installation und als Video. Seine Blätter in Acryl sind gebrochen, zerfasert, vielleicht von der Wucht der Wellen; die Posidonia im wütenden Meer, 3,5 Tonnen schwer, biegt sich in rostigem Stahl im Foyer eines Ibiza-Hotels. Längst ist Costa zu einer Berühmtheit auf den Balearen geworden, seine Werke stehen in Hotels und an Klippen, in der Fußgängerzone von Palma und am Strand von Portitxol.

 

Joan Costa: 'Ich lasse Posidonia sprechen, damit die Menschen sie verstehen und schützen.' Seine Skulpturen, Gemälde und Installationen entstehen in seinem Atelier über den Dächern von Esplores.

Fotos: adi, Joan Costa / Aba Art

 

Im Atelier in seiner Finca oberhalb der Werkstatt steht ein Modell von Costas neuester Idee. Ein Open-Air-Theater aus zehn Meter hohen Posidonia-Blättern, die eine begehbare Bühne formen. Costa gießt einen Espresso ein, die Grillen zirpen, sein Golden Retriever rollt sich zu seinen Füßen ein. „Wäre es nicht wunderbar, wenn Seegras so immer wieder neu Gegenstand unseres kollektiven Gesprächs würde? “

Mode-Drinks und Posi-Bathing

Das Gespräch ist bereits in Gang. Es gibt Mode im Posidonia-Look, Posidonia-Drinks, Posidonia-Performances. In Soller lädt ein Projekt zum Posidonia Bathing, einer Art Waldbaden im Wasser, die Organisation True World führt Einheimische, Companys und benachteiligte Bevölkerungsgruppen mit dem Elektroboot zu Exkursionen in die Wiesen. Die Komponistin, Ambient-Künstlerin und Toningenieurin Coco Francavilla organisiert immersive Veranstaltungen, um Menschen das Meer nahezubringen. Im Projekt „Posidonia Soundscapes: Naturschutz und Musik auf Ibiza – von der UNESCO unterstützte Initiative als Teil der UN-Ozean-Dekade“ arbeitet sie mit der Meeresakustikerin Neus Pérez Gimeno und ihrem Team am Institut für Meeresforschung (INMAR) der Universität Cádiz zusammen. Gemeinsam nehmen sie mit Unterwassermikrofonen die Geräusche in den Posidoniawiesen auf, aus denen Musik aus Meeresklängen entsteht. Im Juni 2026 erschien zum Welt-Ozeantag der UN ein neues Album mit verschiedenen Künstler:innen. Inzwischen ist eine Bewegung entstanden, die mit Musik das Bewusstsein für den Wert von Posidonia schärfen will: die NGO MusicfortheSea.org.

 

„Endlich ist Seegras wieder cool. Den meisten Menschen auf den Balearen ist heute bewusst, wie wichtig unser Seegras ist.“
Laura Royo Marí, Biologin, MedGardens

 

17 Uhr. Über der Bucht von Formentor senkt sich langsam die Sonne. Das MedGardens-Team packt Tauchausrüstung, Notizen und Forschungsmaterial in den Van. „Endlich ist Seegras wieder cool“, sagt Laura Royo Marí. „Den meisten Menschen auf den Balearen ist heute bewusst, wie wichtig unser Seegras ist.“ MedGardens arbeitet nun auch mit Unternehmen zusammen, die sich in Nachhaltigkeit engagieren wollen. Im Mediterranean Posidonia Network haben sich Organisationen aus der Mittelmeerregion zusammengeschlossen, die den Posidoniaschutz vorantreiben wollen. Regelmäßig tourt Marcial Bardolet Richter zu Anrainerstaaten wie Tunesien, Griechenland oder Türkei und erzählt von Mallorcas Konzept.

Kritik gehört dazu

Natürlich geht die kritische Debatte weiter: Mit Umweltaktivist:innen etwa, die radikaler vorgehen wollen. Höhere Strafen, keine Zusammenarbeit mit Schifffahrt, Tourismus und Wirtschaft, schärfere Verbote. Mit Einheimischen, die sich mehr günstige Ankermöglichkeiten für die lokale Bevölkerung wünschen. „Es bräuchte noch mehr Eco-Moorings und noch konsequenteren Schutz“, sagt Lucian Fernández Slade. Selten wurde das so deutlich wie in diesem Jahr, wo die Klimakrise die Temperaturen im Meer schon im Mai auf 26 Grad hochjazzte. Ab 28 Grad gerät Posidonia in Hitzestress, drosselt ihr Wachstum und bildet hektisch Samen, damit sie mit der Strömung in Regionen mit besseren Bedingungen getragen werden. Fernández Slade: „Die Inseln gehören doch uns, wir dürfen ihre Zerstörung nicht zulassen.“

Marcial Bardolet Richter springt aus dem Patrouillenboot und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Ich bin glücklich, alle haben heute richtig geankert.“ Sein Handy klingelt, der nächste Termin wartet. Vorbereitung für einen großen Workshop morgen auf einem Event mit Dutzenden Kindern. Er weiß schon, wie er sie catcht: mit Livesounds aus den tiefen Wiesen und Virtual Reality zum Eintauchen. „Damit sie die Königin der Meere fühlen.“

Posidoniabett für den Küstenschutz: Über Jahrhunderte bilden sich Mauern aus abgestorbenen Gräsern und Erde.

Foto: adi

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