Goethe, Molière, Cervantes, Tolstoi, Austen: Das europäische Literaturerbe ist nicht nur eine männliche Angelegenheit, sondern, so wurde es uns beigebracht, vor allem eine Weiße. Doch in Wirklichkeit ist der Literatur-Pantheon durchzogen von Migrationsbiographien aus dem Globalen Süden.
Nehmen wir Thomas Mann. 1929 sagte der Lübecker dem brasilianischen Journalisten Sérgio Buarque de Holanda in einem Interview, dass er die brasilianische Herkunft seiner Mutter Julia da Silva-Bruhns als einflussreicher für sein Werk betrachtet, als alle europäischen Einflüsse. Julia war die Tochter eines ausgewanderten Norddeutschen und einer brasilianischen Frau mit portugiesischen und indigenen Wurzeln. Nicht zufällig, schreibt Mann in seinen autobiographisch geprägten Büchern wie Tonio Kröger (1903) von den dunklen Augen seines Alter Egos Tonio und seiner südländischen Mutter Consuelo. Und im Zauberberg kommt eine mexikanische Dame in das Sanatorium geschneit, einer der Buddenbrooks reist nach Chile.
Als junger Mann schämte sich Mann jedoch auch für seine südamerikanische Herkunft und sprach stattdessen lieber von seiner spanischen Familie. Erst später, im kalifornischen Exil, akzeptierte er seine Herkunft und nahm sie sogar mit Stolz an. An den österreichischen Dramatiker Karl Lustig-Prean schrieb Mann 1943: „Auch bin ich mir des Einschlages von lateinamerikanischem Blut in meinen Adern immer bewusst gewesen und fühle wohl, was ich ihm als Künstler verdanke.“ Sein Bruder Heinrich Mann schrieb mit Zwischen den Rassen sogar ein ganzes Buch mit einer Heldin, die halb Deutsche, halb Brasilianerin ist.
Die schwarzen Vorfahren von Dumas und Puschkin
Und in Frankreich? Der Vater von Alexandre Dumas, Autor der französischen Banger Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo, war Sohn eines französischen Generals und einer schwarzen Sklavin aus Haiti. Dumas verarbeitete seine Herkunft in seinen Büchern: In seinem Roman Georges ist die gleichnamige Hauptfigur europäisch-afrikanischer Herkunft und führt eine Revolte schwarzer Sklav:innen gegen die französischen Plantagenbesitzer auf Mauritius an.
Der Vater der russischen Literatur schließlich, Alexander Puschkin, hatte einen schwarzen Urgroßvater, der als Sklave aus Zentralafrika nach Russland entführt wurde. Der Zar Peter der Große befreite ihn und machte ihn sogar zu seinem Patenkind. Puschkin war sehr stolz auf dieses Erbe: In Der Mohr Peters des Großen erschuf er eine schwarze Figur namens Ibrahim, die am Hof des Zaren mit seiner Andersartigkeit hadert.
Weder Puschkin, Mann noch Dumas waren dank ihrer Herkunft frei von dem Rassismus und der Fetischisierung des Südens ihrer Zeit. So spürt Puschkins Ibrahim an einer Stelle der Geschichte die Eifersucht „in seinem afrikanischen Blut“ aufsteigen. Auch Thomas Mann führte alles Leidenschaftliche, Künstlerische und Sinnliche in seinem Wesen auf seine Mutter zurück: „Frag ich mich nach der Herkunft meiner Anlagen, so muß ich feststellen, daß auch ich ‘des Lebens ernstes Führen’ vom Vater, die ‘Frohnatur’ aber, das ist die künstlerisch sinnliche Richtung und – im weitesten Sinne des Wortes – die Lust zu fabulieren’, von der Mutter habe“, schrieb er 1936. Die von Sklav:innen beackerte Zuckerrohrplantage seiner brasilianischen Familie – davon sprach er nie. Und selbst Dumas’ Georges ist voller Rassismen.
Doch auch wenn man die drei nicht zu reinen Vertretern einer frühen postkolonialen Literatur hochstilisieren darf – die Tatsache, wie zentral ihre hybride Identität für diese Champions der Europäischen Literatur war, muss auch abseits der Literaturwissenschaft mehr und vor allem in Schulen rezipiert werden. Sonst weißelt man nicht nur völlig zu Unrecht die europäische Literaturgeschichte, sondern ignoriert damit auch den zentralen Einfluss des Globalen Südens auf unser Denken und unsere Kultur.
Thomas Mann 1929
