Nachhaltig Reisen

Lanzarote – Berlin in 75 Stunden

Die Hälfte der Flugemissionen im Tourismus entsteht auf Fernreisen. Wie geht es anders? Anja Dilk hat es ausprobiert: Per Schiff und Zug von der Kanareninsel Lanzarote nach Berlin.

 

Tag eins, Lanzarote. Sonne und Salzwasser

 

Im Containerhafen ist Mittagszeit. Die Sonne brennt auf die breite Zufahrtsstraße zum Puerto de los Mármoles, Quellwolken ziehen über den Himmel. Im Gewirr von Containern, Verladekrähnen, Lastern und Absperrgittern bewegt sich nichts, nicht mal das Kreischen von Möwen ist zu hören. Naviera Armas steht auf einem weißen Häuschen neben dem Kai, drinnen ein Wartesaal. Hinter dem Ticketschalter spielt eine Frau gelangweilt auf ihrem Handy. „Ja, hier fährt die Fähre nach Cádiz ab, aber im November ist nicht viel Betrieb.“ Sie lächelt freundlich, ich setze den Rucksack ab und lasse mich auf eine der roten Sitzschalen an der Wand sacken. Müde plätschert das Meer an die Kaimauer. Kein Schiff weit und breit. 

Pausenzeit am Containerhafen Arrecife, der Hauptstadt von Lanzarote, Foto: adi

 

Von Lanzarote nach Berlin mit Schiff und Zug – das ist mein Experiment.

Zwischen 1.300 und 1.700 Kilogramm CO2-Äquivalente entstehen bei einem Flug von Berlin nach Lanzarote und zurück, je nach Berechnungsgrundlage, Wetter, Route, Flugzeugtyp, Reiseklasse. Je nachdem, wie stark man weitere Effekte wie Kondensstreifen und Methanausstoß einbezieht, können die Emissionen für einen einzelnen Flug noch wesentlich höher liegen. Der Tourismus erzeugt schätzungsweise acht bis zehn Prozent der weltweiten Emissionen, 49 Prozent entstehen allein durch An- und Abreise. Neun Prozent aller Reisen sind Fernreisen (also zu Zielen, die mehr als 3500 Kilometer entfernt sind), mehr als je zuvor. Und allein diese neun Prozent sind für die Hälfte der gesamten Flugemissionen im Tourismus verantwortlich. Die Achillesferse des globalen Tourismus, nennt das Wissenschaftsmagazin Science den Flugsektor daher.

Über Land und Wasser muss es doch umweltfreundlicher gehen. Also los.  Eigentlich hätte mein Experiment in Berlin beginnen sollen, aber dazu später.

Eine Fähre ist Teil des öffentlichen Transportsystems, ähnlich wie U-Bahn und Bus. Zweimal die Woche bringt sie Menschen von Lanzarote zur spanischen Küstenstadt Cádiz und zurück. Gut 33 Stunden dauert die Fahrt übers offene Meer. Entsprechend gering ist die Nachfrage.Tourist:innen verirren sich nur selten auf die weiß-roten Schiffe von Naviera Armas.

Fähre nach Cádiz: Nicht Kreuzfahrtschiff, sondern Teil des öffentlichen Transportsystems, Foto: adi

Menschen wie Hilla aus Finnland, blonder Pferdeschwanz, Shorts, pinke Reisetasche.  Gegen 13.30 Uhr liegt sie auf den Betonquadern vor dem Schalterhäuschen in der Sonne. Die Softwareingenieurin ist um die dreißig und auf einem Segeltörn mit Freund:in…

Foto: Anja Dilk

Kanaren verschwinden am Horizont, das Plätschern der Heckwellen reist mit.

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